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Geschichte der Bildhauerei in Zimbabwe

 

In Zimbabwe hat sich eine Bildhauerszene etabliert, die in einem Artikel der amerikanischen Newsweek 1987 als "wahrscheinlich eine der wichtigsten Kunstformen dieses Jahrhunderts" bezeichnet wurde. Sie ist quasi aus dem Nichts entstanden und hat in wenigen Jahrzehnten die westliche Kunst- und Kulturszene erobert.

Es waren die besonderen Umstände der Geschichte dieses Landes und das enorme kreative Potential seiner Menschen, die den sagenhaften Aufstieg der zimbabwischen Bildhauer in die internationale Kunstwelt ermöglichten.

1956 wurde der Brite Frank McEwen zum ersten Direkter der neuen Nationalgalerie in Salisbury im ehemaligen Apartheitstaat Rhodesien ernannt. Er sollte der weißen Oberschicht den Anschluss an die westliche Kunst ermöglichen. McEwen ging nach Afrika, da er wie sein Lehrer Gustave Moreau überzeugt war, dass wirkliche Kreativität angeboren und nicht zu erlernen sei. Er wollte das kreative Potential der Afrikaner aufspüren. Während seines Studiums in

Paris hatte er die Suche seiner Künstlerfreunde Matisse, Picasso, Brancusi und Braque nach neuen Wegen und Ausdrucksformen miterlebt und gesehen, dass bei einigen - allen voran Picasso - die traditionelle afrikanische Kunst deren Entwicklung stark geprägt hatte.

Ein glücklicher Zufall für die Kunst Zimbabwes war McEwens Begegnung mit dem afrikanischen Landwirtschaftsberater Joram Mariga, der in seiner Freizeit Figuren aus Holz und Stein schnitzte. Als Joram Mc Ewen eine fertige Specksteinskulptur zeigte, war der von der künstlerischer Kreativität, die diese Skulptur ausstrahlte, so begeistert, dass er Workshops für Bildhauerei einführte und Joram bat, diese zu leiten: Es war die Geburtstunde der zimbabwischen Bildhauerei. 

Auf Joram Marigas Vorschlag hin kaufte McEwen 1967 in Nyanga ein 40 qkm großes Gebiet und gründete die Künstlerkolonie Vukutu. Er regte die junge Künstler an, Kunst um der Kunst willen zu machen und sich von ihren inneren Bildern und den Mythen ihres Volkes, der Shona, inspirieren zu lassen, was zu dem Begriff Shona-Skulptur führte. Das abgelegene Vukutu und die ein Jahr zuvor vom Tabakpflanzer Tom Blomefield gegründete Künstlergemeinde Tengenenge bildeten bis in die siebziger Jahre die wichtigsten Bildhauerzentren Rhodesiens.

Wegen der internationalen Wirtschaftssanktionen und der damit verbundenen hohen Arbeitslosigkeit in Rhodesien suchte der Tabakfarmer Tom Blomefields nach neuen Verdienstmöglichkeiten für seine Farmarbeiter. Schwarze Bildhauer der Vukutu-Schule wiesen ihn auf die ungeheueren Mengen besten Serpentingesteins auf seinem Farmgelände hin. Da er schon immer kunstbegeistert war, stellte Tom Blomefield seinen Arbeitern Bildhauerwerkzeuge zur Verfügung. Innerhalb kurzer Zeit hatte sich die Künstlerkolonie Tengenenge als zweites Kunstzentrum in Zimbabwe etabliert.  Ab 1965 begann McEwen Ausstellungen außerhalb des Landes zu organisieren, 1968 waren Skulpturen in einer Ausstellung des New Yorker Museum of Modern Art zu sehen. Mit der Sonderausstellung im Pariser Musée Rodin erfolgte die internationale Anerkennung der Bildhauer, die vor allen den großen Künstlern der ersten Generation: Joram Mariga, Nicholas Mukomberanwa, John Takawira, Henry Munyaradzi und  Bernhard Matemera zu weltweitem Ruhm verhalf.Obwohl die "Shona-Skulpturen" in der internationalen Kunstszene begeistert gefeiert wurden, stand die weiße Oberschicht  Rhodesiens dieser Kunst und ihrem Förderer Mc Ewen ablehnend gegenüber, sodass McEwen schließlich das Land verließ.

Während des Unabhängigkeitskrieg in Rhodesien, dem heutigen Zimbabwe, kam die Bildhauerbewegung fast vollständig zum Erliegen. Erst im unabhängigen Zimbabwe (ab 1980) belebte sich die Bildhauerbewegung wieder. Zahlreiche Ausstellungen im Ausland vermehrten den Ruhm ihrer bedeutendsten Vertreter und ermutigte diese, zu experimentieren und für ihre Arbeiten größere Formate zu wählen. Auch die Bearbeitung veränderte sich: nicht mehr alles wurde poliert, einige Oberflächen blieben roh behauen, sodass das Spannungsgefüge der Skulpturen erweitert wurde. Mit neuen Werkzeugen, vor allem härteren Meißeln, ließen sich härtere Steine wie Springstone, der härteste Serpentin, Lepidolit oder Verdit bearbeiten und auch Durchbrüche gestalten. Junge Künstler stießen zu der Bewegung hinzu. Tapfuma Gutsa, der Kunst in London studiert hatte, arbeitete in Mixed Media und verband oft in seinen aussagekräftigen Arbeiten Stein und Holz. Als erster schuf Brighton Sango abstrakte Plastiken, die ebenso wie die schwerelosen, eleganten Skupturen von Itai Nyama keine afrikanischen Assoziationen wecken. Der ethnische Begriff „Shona Sculpture“ wurde bei Kunstkennern wie auch bei manchen Künstlern als nicht zutreffend abgelehnt.

Obwohl es sich bei den Werken um moderne afrikanische Kunst handelt, bleibt die Thematik der zimbabwischen Skulpturen eher traditionell, zeitgenössische oder politische Bezüge sind selten. Es überwiegt auch heute noch die figürliche Darstellung. Ein Grund dafür liegt sicherlich in der tiefen Verwurzelung vieler Künstler in ihrem Glauben an die Beseeltheit der Natur. Vor allem die frühen  zimbabwischen Skulpturen sind Botschafter afrikanischer Kultur. In einigen Werken manifestieren sich über Generationen mündlich überlieferte Mythen der Shona und beschreiben z.B., welchen Einfluss die Ahnengeister auf das Dasein der Lebenden nehmen können. Die jüngere Generation zimbabwischer Künstler widmet sich hingegen verstärkt gegenwartsbezogenen Themen. Inzwischen geht die Entwicklung immer stärker zur völligen Abstraktion.  

So faszinierend es ist, sich in die Bildersprache der zimbabwischen Künstler einzuarbeiten und Bezüge zur traditionellen Mythologie herzustellen, ihre Kenntnis ist nicht notwendig, um an den Skulpturen Gefallen zu finden. Sie sind einfach schön in ihrer Formensprache, ihrer Formenvielfalt und der Kreativität und Kraft, die sie ausstrahlen.

Bei fast allen Werken zeigt sich - früher und auch heute - das besondere Verhältnis zwischen dem Künstler und dem Gestein, die der bedeutendste Bildhauer Zimbabwes, Nicholas Mukomberanwa, einst als einen Dialog mit dem Stein verstand.

► Steine und Arbeitsweise